© by vagabond.click

  • Facebook Social Icon
  • YouTube Social  Icon

REISETAGEBUCH

Schweizer Alpen,

gewaltige Naturgewalt

30. September 2014 – Alpenflug mit der zweisitzigen Cherry

ÜBER DEN WOLKEN MUSS DIE FREIHEIT WOHL GRENZENLOS SEIN, so be-singt Reinhard Mey einen Raum, der für uns Menschen zeitlich eingeschränkt nutzbar bleibt. 

Und genau deshalb, eben weil dieser Raum nicht immer zugänglich ist, ist es umso spannender diese unendlichen Weiten, die bizarren Tiefen, die ehrfurcht einflössenden Berge, den Sonnen Auf- und Untergang auf sich einrieseln zu lassen.

Die Vorbereitungen begannen damit, das Flugzeug aus dem dunklen Hangar in den sonnigen Donnerstagmorgen zu schieben. Drei Benzinkanister später – 60 lt. Bleifrei war der Durst der Cherry – begann der obligatorische letzte Check. Ist das Fahrwerk okay, lassen sich die Höhen und Seitenruder bewegen, funktioniert der Funk, wurde der Flug in die Startliste eingetragen?

 

Ist die Checkliste durch, darf ich den Platz des Passagiers einnehmen. Aus dem Cockpit heraus kann ich zusehen, wie Hausi den Propeller langsam vorbewegt um ihm danach einem heftigen Ruck zu verpassen. In diesem Moment kommt etwas Nostalgie hoch, denn einst startete man die kleineren Flugzeuge ebenfalls per Hand. Heute wird in der Regel elektronisch gestartet. Hausi hat es heute gut im Griff, der Continental C-90 Motor, hergestellt in den Rolls Royce Werken springt beim zweiten Versuch an.

Wow, der Luftzug, ausgelöst durch den Propeller bläst mir bei noch offenem Capot um die Ohren. Schnell steigt Hausi ein und schliesst das Capot. Nun noch den Bordkopf-hörer auf und schon können wir uns in entspannter Lautstärke unterhalten. 

Nochmals ein Instrumentencheck, dann rollen wir auf die Startbahn. Ich selbst checke mein Fotoequipment und entscheide mich für den Start das Weitwinkel zu verwenden. Gemächlich rollen wir zum Startpunkt, drehen eine 180° Kurve und schauen der Startbahn entgegen, die sich gegen den Horizont verengt. Alles nur eine Sache der Perspektive. Ich höre das auf englisch gesprochene Funkgespräch, aber so richtig verstehen tue ich dieses Fliegerenglisch nicht. Egal, ich vertraue meinem Freund, der immerhin dreissig Jahre unfallfrei fliegt.

Es ist soweit, der Motor heult auf, Angst, mulmiges Gefühl? Fehlanzeige, obwohl ich weiss, dass nun die heikelste Phase eines Fluges bevorsteht. Die Cherry rollt bis zur Geschwindigkeit hoch, die Startbahn wird kürzer und kürzer um dann abzu-heben. Immer deutlicher erscheint es mir, dass nun kein Flugabbruch mehr stattfinden darf. Ich bin die Ruhe selbst, denn ich orientiere mich an Hausi, der sehr entspannt die Cherry steuert. 

Das rattern verstummt, ein Zeichen, wir haben das vertraute Element, den Boden verlassen und steigen den Himmel empor. ALLE ÄNGSTE, ALLE SORGEN BLEIBEN DARUNTER VERBORGEN, meint Reinhard Mey. Ich hoffe, er hat damit recht. 

Mollis goodbye, wir sehen uns in ca. 2.5 Stunden, so Gott will, rief ich ins Mikrofon. Schnell haben wir Mollis hinter uns gelassen, es geht in Richtung Zürichsee. Mein Glückshormonen-Haushalt steigt an, angesichts der grandiosen Wetterlage und Weitsicht. Malerische Landschaften, tiefblauer Zürisee, die Insel Ufenau und Lützelau sowie die Halbinsel Au sind Hingucker und erscheinen wie Perlen aus dem glitzernden Zürisee. 

«Nun, so höre ich Hausi übers Bordmikrofon sagen, drehen wir links weg und fliegen über die Kantone Schwyz und Luzern Richtung Wallis. Ich muss nun Höhe gewinnen, damit wir in den Aletschgletscher zwischen dem Eiger und Mönch hindurch, eintau-chen können». 

Die Luft wird dünner und dünner, ein Zeichen, dass wir bald den Gletscherfräs begin-nen können. Die Spannung steigt, ich muss aufpassen, dass ich vor lauter Euphorie nicht aufs Foto- und Videografieren vergesse. Noch sehe ich grüne Landschaften unter mir, jeden Moment jedoch, nur noch weisse und endlose Gletscherspalten. 

Noch einmal ein Ruck in die Höhe, dann sehe ich den Grat vor mir. Es ruckelt und schüttelt, denn immer in der nähe von einem Gebirgsgrat entstehen Luftwirbel. Jetzt heisst es auf die Zähne beissen, den Arsch zusammen klemmen und hindurch. Juuuuhuuuui, ich sehe nur noch weiss, das blendende Weiss der Eisfelder und ich sehe die Welt in der Seitenansicht, denn Hausi zieht eine starke Linkskurve. Wir juchzen vor Freude, wir haben das perfekte Glücksgefühl für einen Moment gepach-tet. Der Gletscherfräs kann beginnen. Mit 280 km/h den Gletscher hinunter, aber immer schön in Steilkurven von links nach rechts. Gut habe ich meine Sitzgurte straff gezogen. Auf einmal, unter uns Gletschertourengänger, eine Seilschaft von ca. 8 Per-sonen. Sie winken zu uns hoch und wir winken mit den Flügeln zurück, indem mein Freund den Joystick schnell nach links und rechts bewegte. Die Freude auf beiden Seiten ist gross.

Weiter gehts Richtung Riederalp, dem Ende des Aletschgletschers entgegen. Es ist deutlich zu sehen, wie sich der grösste Gletscher der Alpen zurück zieht, und es macht nachdenklich. Tragen wir mit unserem Flug jetzt auch dazu bei, frage ich mich im Stillen. Die Antwort ist Ja, jeder Aussstoss von CO2 beschleunigt die Gletscher-schmelze. Jetzt sehe ich die Villa Cassel und links davon die Riederalp. 

Nach ca. acht Minuten Gletscherfräs (race), unmittelbar vor uns liegt Naters und Brig und am Horizont sehen wir die Toblerone aus Fels, das majestätische im Sonnenlicht scheinende Matterhorn mit ihren 4'478 Metern.  

Schnurstracks zielen wir darauf zu und Hausi holt nochmals kräftig Anlauf um Höhe zu gewinnen. Die Cherry wird beansprucht, sie muss dafür hinhalten, dass sie zwei Egos befördert, die das Matterhorn bezwingen wollen. 

Auf einmal, mir wird komisch, fühle mich wie betrunken und ich wusste als erfahrener Taucher, dass dies nicht der Tiefernrausch. sondern der Höhenrausch sein muss. Ich schaue nach links zu Hausi und checke ihn ab.

 

«Hausi, fühlst du auch das was ich fühle?, fragte ich ihn. Der Kopf drehte sich lang-sam zu mir und er meinte, ja, ich fühle das gleiche wie du. Also sage ich, flieg tiefer, bevor wir zu den Englein fliegen.»

 

Sein gestreckter Daumen nach oben verriet, dass er meinen Wunsch verstanden hat. Sofort begann er mit dem Sinkflug und uns wurde es schnell wieder klarer im Kopf. Das Matterhorn hat uns bezwungen, wir kratzten gerade mal die 4'000er Grenze.

 

Entspannt ging es Richtung Heimatflugplatz, wir querten verschieden Kantone, sahen Luzern, überflogen den Vierwaltstättersee Richtung Moutathal, dort wo versteckt, die zweitgrösste erforschte Höhle der Welt, das Hölloch liegt und nahmen den Anflug auf Mollis südlich übers Linthal.

 

Mit einer Klassen Landung brachte Hausi uns wohlbehütet in unser anvertrautes Element zurück. Glücklich und zufrieden, liessen wir den Flug Revue passieren, pfleg-ten die Cherry indem wir sie reinigten und auftankten. Denn für den nächsten Flug soll die Cherry uns wieder gut besonnen sein.

Hat dir dieser Inhalt gefallen, dann like und teile ihn!