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COIFFURE

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Beginn einer

Never Ending Story

Mein erstes Mal beim gambianischen Coiffure

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«Ich bin in The Gambia, jetzt beginnt ein neues Kapitel in meinem Leben», sagte ich zu mir und dazu gehört, sich innerlich als auch äusserlich zu verändern. Den Masken die ich jahrzehntelang tragen musste zu entledigen um wieder mich selbst sein, ja das ist das Ziel. Aber welcher Maske entledige ich mich zuerst, welche ist die einfachere? Mir wurde schnell klar, die äussere Maske abzulegen, ist vorerst die einfachere. Leichter gesagt als getan, stellte es sich im Nachhinein heraus. 

Immer auf dem Weg zur Beach wurde ich mit einem Coiffure Salon konfrontiert und immer ging ich mit schnellen Schritten daran vorbei. Warum? Ganz einfach, ich wollte noch einmal in meinem Leben meinem Rock Idol Rick Parfitt nacheifern und die Haare dementsprechend wachsen lassen. Aber immer wieder wurde ich auch damit konfron-tiert, dass es bald nötig ist, den Haaren einen Style zu verpassen, damit sie ohne zu brechen weiter in die Länge wachsen.

 

«Hello Sir, how are you doing today?», rief mich eines Tages der Coiffure Inhaber. «Come and take a look into my Salon». Ich bin ja ein freundlicher Schweizer, weiss also was sich gehört und folgte ihm in seinen Salon. Ein nettes, freundliches und lustiges Gespräch entstand. Klar, sein Ziel war, dass ich Platz nahm und er mir die Haare schneiden darf. «Denkst du, du kannst einem Toubab die Haare schneiden, hast du Erfahrung mit Haaren weisser Männer?» fragte ich ihn. «Natürlich, ich bin ein professioneller Coiffure, du wirst zufrieden sein mein Bruder», unterstrich er immer betont meine Fragen.

 

Na ja, an diesem Tag war ich noch nicht in Stimmung meine langen, jedoch als Wildwuchs bezeichnende Haare zu schneiden. Mein Wort in Ehren gab ich ihm dass, wenn ich soweit bin, ihn bevorzugen werde. Damit war er vorerst mal zufrieden und dankbar. Es vergingen weitere drei Wochen, dann aber war es soweit, meine Haare mussten unter die Schere. Mit Wehmut, aber in der Hoffnung, dass ich mich danach wieder blicken lass kann setzte ich mich auf den Stuhl. Dieser Stuhl jedoch entpuppte sich innert einer Minute als Stuhl des Massakers. Aber alles schön der Reihe nach. 

Mein Freundin Natasha begleitete mich und ihr verschmitztes Lächeln sorgte bei mir für Unbehagen. Nicht zu Letzt deshalb, weil sie mich seit Wochen immer wieder warnte, dass ich meine lange Haar abschreiben könne, sofern ich diesen Coiffure Salon bevorzuge. Ich bin Schweizer, halte mein Ehrenwort und sitze nun im Salon und warte bis ich an der Reihe bin. Das Gespräch im Salon drehte sich um mich. Klar, ich war ja der einzige Weisse weit und breit. Und wieder beschwichtigte er mich, dass er nicht nur Kurzschnitt machen kann, sondern auch langen Haaren einen Style einhauchen kann. Mit einem letzten Blick zu Natasha, die Schadenfreude stand ihr ins Gesicht geschrieben, setzte ich mich auf den Stuhl. Im grossen Spiegel sah ich mich nun und es sollte das letze Mal sein, dass ich meine langen Haare sehe. OMG, der Coiffure griff zu einem grob zahnigen rosafarbigen Kamm, ein Kamm, der alles andere als passend für einen männlichen Kunde ist. Dann, der nächste Griff galt der Schere, jetzt aber wurde es mir wirklich angst und bange. Das kann ein Folterinstrument sein, aber keine Schere um Haare zu schneiden. Er musste wohl diese Schere von einem Schneider ausgelehnt haben, denn nur Schneider brauchen solche Scheren um Stoffe zu zerlegen.

 

Der rosafarbige Kamm fuhr durch meine Stirnhaare und streckte sie senkrecht nach oben und dann, ja dann sah ich die Monsterschere. Er setzte an und, ach du Sch....e, die Schere war länger als die breite meines Kopfes. Dann, der Sound der Schere, schnipp, schnipp, schnipp, aber mein Haar sträubte sich. Ein weiterer Versuch folgte, diesmal mit den Backenzähnen der Schere, dort so schien es, war der Schliff noch in Ordnung. Schnipp, schnipp und das Massaker war perfekt, meine Stirnhaare gaben nach und fielen auf meinen Schoss. Der Spiegel lügt nicht, mein Stirnhaar wurde nicht nur kurz, sondern auch längs weg geschnitten. «Stopp, stopp» schrie ich. Der Junge Mann erschrak und hielt inne und meine Freundin kugelte sich vor Lachen. Dem Profi Coiffure war es peinlich, er versuchte sich in der Kunst des Entschuldigen. Ich bin ja Schweizer und klar, in der Schweiz wäre ich ausgerastet, aber hier, ich bin ja Expat Schweizer, also ruhig Blut und freundlich bleiben. «Okay Bruder» sagte ich, «Haarver-längerung benötigt viel Zeit, die habe ich nicht, also leg den Kamm und Schere beiseite, nimm deinen Elektrorasierer und mach aus meinen Haaren eine Afro-Look, also so kurz wie deine Haare». Ich spürte, eine grosse Erleichterung übermannte ihn. Er griff zum Elektrorasierer und schwuppste wupp, ich hatte einen Kurzhaarschnitt. Noch schnell den dicken Pinsel über meinen Nacken und Gesicht, etwas kühlendes Parfum, dann den Umhang entfernen und ich konnte dem Stuhl des Massakers entfliehen.

Noch heute sind wir Brüder und wenn immer ich an die Beach gehe, halte ich am Salon inne und sprechen über Gott und die Welt. Und aus den Gesprächen erfuhr ich, dass er sich das Haare schneiden selber angeeignet hat, und auf das war er mächtig stolz. Und ja, er war der Profi für afrikanischen Kurzhaarschnitt, aber sicherlich nicht für Toubab's, die erstens eine ganz andere Haarstruktur haben und zweites, eine ganz andere Vorstellung von Haardesign. Eines aber muss ich ihm gut halten, der Salon war modern eingerichtet und sehr sauber, fast schon steril sauber. 

Zwischenzeitlich habe ich noch andere Coiffure Salons ausprobiert. Der eine ähnelt dem anderen, alle sind gut im Umgang mit dem Elektrorasierer. Kamm und Schere habe ich jedoch nur bei einem Coiffure gefunden und zwar bei dem, von dem diese Geschichte handelt.

 

Mittlerweile habe ich mich endgültig vom Traum, noch einmal lange Haaren zu besitzen verabschiedet, Rick Parfitt verzeih mir.    

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