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Ein Suizid zeichnet die Hinterbliebenen ein Leben lang und hinterlässt nicht therapierbare Wunden

August 16, 2016

 

Interview mit Mario Dieringer, Journalist und Gründer von Footpath of Life    

 

 

Mario, Kürzlich bin ich durch ein Facebook-Post auf dich und dein Projekt aufmerksam geworden. Schnell konnte ich erkennen, dass dein Projekt und die dahintersteckende Botschaft für eine breite Leserschaft von Interesse sein kann. Du wirst einen Wanderweg, rund um die Erde anlegen, der rechts und links mit individuellen Bäumen der Erinnerung, an Opfer von Suiziden, Krank-heiten oder Unfällen bepflanzt wird. Welche Geschichte, welches Erlebnis war der Auslöser, das dieses wundervolle Projekt zu Deinem Lebensinhalt gemacht hat.

 

Leider ist der Auslöser kein schöner Anlass gewesen. Mein Lebens-partner hat sich an Ostern 2016 das Leben genommen. Ein Suizid als letzte Konsequenz seiner Depressionen, deren Behandlung er schlicht und ergreifend verweigert hat. Das und er haben mir nicht nur den Boden, sondern auch buchstäblich das Leben unter den Füßen wegge-zogen. An ein Weitermachen im bisherigen Sinne war nicht mehr zu denken. Irgendwann war plötzlich Footpath of Life da und fest in meinem Kopf verankert. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen und ist tatsächlich schon jetzt zum Lebensinhalt oder besser gesagt: zum mittelfristigen Lebensziel geworden.

 

Siehst du dich als Opfer eines Suizids? 

 

Ganz klar ja. Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass neben aller Selbstbestimmung für das eigene Leben, der bleibende psychische Schaden für die Partner und Angehörigen etwas ist, das keine Therapie jemals wieder gut machen kann. Ich kenne mittlerweile so viele Menschen, die auf diese Art ihren Partner oder einen Angehörigen verloren haben. In meinen Gesprächen sind diese Menschen sogar nach 25 Jahren wieder in Tränen ausgebrochen. Wir alle können eine solche Tat vielleicht verstehen, vielleicht auch irgendwo hin packen aber die meisten von uns haben alles getan um zu helfen, andere sind überrascht worden und wir werden mit Schuld, unendlicher Verzweiflung und unermesslicher Angst zurückgelassen. Das wird nie wieder weggehen, das wird uns bis zum Tod begleiten. Das wird jede neue Beziehung belasten, das kann kein Therapeut schönreden. Diese Angst kann man sich nicht vorstellen. Und ganz ehrlich: Wir die wir geliebt haben, die wir Partner, Kinder, Geschwister oder Eltern waren, haben ein solches Martyrium nicht verdient.

 

Wird Footpath of Life also auch eine Botschaft gegen den Freitod sein?

 

Ja, ich ziehe auch als Botschafter gegen den Freitod in die Welt, weil ich zeigen möchte, dass es immer eine Chance gibt, dass das Leben immer wieder schöne Momente bietet und Krisen immer eine Chance haben, bewältigt werden zu können. Vor allem möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir doch alle geliebt werden und wir nichts weiter 

brauchen, als ein wenig Vertrauen in diese Menschen. Nehmt die Möglichkeit, Euch an die Hand nehmen zu lassen an und versucht wenigstens gemeinsam einen Ausweg oder eine Behandlung zu finden. Depressionen lassen keinen klaren Gedanken mehr zu und zu oft wird im Affekt gehandelt. Aber die Zeit bis es so weit kommt ist lang und man hat genügend Zeit sich rechtzeitig helfen zu lassen. Das müssen aber auch die Menschen drum herum realisieren. Gerade auch wenn sie sehen, dass nach dem Tod des Partners, verbleibende ParterInnen in einen destruktiven Sog geraten. Und deshalb gibt es auch Footpath of Life. Vielleicht muss einfach mal jemand von außen kommen. Ganz plötzlich und unerwartet einem die Hand reichen und irgendwie helfen. Das möchte ich damit auch versuchen.

 

Außerdem glaube ich ganz fest daran, dass es sich mit einem Freitod nicht erledigt hat. Ich glaube nicht an die Hölle oder eine Bestrafung aber ich bin davon überzeugt, dass Weglaufen keine sinnhafte Möglich-keit ist.

 

Deshalb möchte ich mit diesem Projekt auch noch Suizid-Präventions-arbeit unterstützen und bin da gerade auf der Suche, nach einem passenden Partner.

 

Anstrengende Jahre stehen dir bevor, 44'000 Kilometer zu Fuss durch 60 Länder. Wie hältst du dich körperlich fit, damit du am Schluss deinen Auftrag erfüllst und das Ziel Deutschland gesund erreichst?

 

Ich bin ja bereits den Jakobsweg gelaufen. Ich habe mich einfach auf den Weg gemacht, mit null Training, ohne jede Vorbereitung. Ja nicht einmal die die Schuhe hatte ich eingelaufen. Die ersten zwei Wochen waren hart. Aber das Training kommt quasi durch den Lauf. Nach fünf Wochen konnte ich schon 45 km am Tag laufen. Ich mache mir da keine Sorgen. Irgendwas hat beschlossen mich auf den Weg zu schicken. Dann wird ES sich doch hoffentlich auch darüber im Klaren sein, dass ich das heil überstehen muss. Alles andere wird dann unter der Kategorie „Sport ist Mord“ verbucht.

 

Nenne uns Lesern, die Länder die du zu durchqueren hast. Welche Himmelsrichtung schlägst du zu Beginn ein, Westen oder Osten? 

 

Das würde jetzt eine sehr lange Auflistung ergeben. Also noch ist ja nichts in Stein gemeißelt, weil sich die exakte Laufroute durch die Einladungen zum Baum pflanzen ergeben. Aber so eine ungefähre Route habe ich schon auf der Website aufgelistet. Das erste Ziel von Deutschland aus wird Holland werden, danach Belgien und Frankreich und dann immer weiter nach Westen, mit einem Abstecher nach Nordafrika. Von Portugal aus nach Kanada. Es geht dann bis Chile runter und von dort aus über diverse Inselgruppen bis nach Australien. Danach folgen die asiatischen Staaten und irgendwann werde ich hoffentlich über Russland den Weg in die Türkei finden und mich aus Osteuropa kommend wieder auf Deutschland zubewegen. Das ist der Plan – aber vielleicht kommt es auch ganz anders.

 

Wann genau fällt der Startschuss für diese langjährige Reise? 

 

Das wird der 27.3.2018 sein – der zweite Todestag meines Partners. Bis dahin gilt es wahnsinnig viel zu organisieren. Deshalb auch der lange Vorlauf.

 

Wie kann man dich auf deiner Reise beobachten wo du gerade bist und was du tust?  

 

Zum einen über die sozialen Netzwerke Facebook, Twitter, youtube und Google+, auf denen ich bei jeder Gelegenheit in unterschiedlichster Form die User an dieser Reise, bzw. an dieser Aufgabe teilhaben lassen möchte und über die man auch mit mir in Kontakt treten kann; auch jetzt schon, denn jeder Follower, Freund und jedes Like bestimmt die Zukunft. Zudem ist eine Form von interaktiver Multimedia-Beteiligung geplant. Soll heißen: die User haben die Möglichkeit 24 Stunden über live mit dabei zu sein. Live Broadcasting und GPS Navigation macht´s möglich. Dazu suche ich aber noch die passenden Partner. Ich hoffe das klappt.

 

Der Baum spielt ein zentraler Punkt in deinem Leben und auf deinen 

Wanderungen. Was genau hat es auf sich, wenn du von Bäumen sprichst?

 

Der Footpath of Life soll gesäumt werden von den Bäumen der Erinner-ung. Bäume die ich zusammen mit Menschen pflanzen möchte, die damit an einen Verstorbenen erinnern möchten. Unser Globus wird von Wäldern und Bäumen bedeckt. Es gibt Milliarden von ihnen und keiner gleicht dem anderen. Ich finde das macht den Baum zum perfekten Symbol für die Liebe. Und ein Baum der Erinnerung darf wachsen, so wie einst die Liebe zwischen zwei Menschen gewachsen ist. Bäume auf einem Pfad um die Erde, der für den Kreislauf des Lebens steht und als unendlicher Ring, ebenfalls Sinnbild einer Liebe sein kann, bilden zusammen eine magische Einheit. Und ich glaube wir alle können ein wenig Magie gebrauchen.

 

Eine solches Unterfangen kostest Geld. Allein die Tatsache, dass dir 11 Pensionsjahre fehlen werden, wie willst du dies kompensieren?

 

Gar nicht, wenn ich das mal so knallhart sagen darf. Das Leben hat mich gelehrt nichts mehr zu planen. Es kommt ohnehin anders. Was soll ich mich also auf eine Pension verlassen, die mir nicht mal mehr in Deutschland garantiert werden kann. Bis dahin ist noch reichlich Zeit und ich kann mir viele Gedanken machen, um ein Auskommen im Alter zu haben.

Anders sieht es mit diversen Kosten aus, die dieses Projekt einfach mal verursacht. Um diese aufzufangen braucht es Sponsoren, Spenden oder im Kleinen auch einfach genügend Klicks und Likes in den sozialen Netzwerken.

 

Werden Sponsoren ein Thema werden? Wie können zum Beispiel deine Followers, deine Fans, dich dabei unterstützen?

 

Ohja, Sponsoren sind natürlich ein großes Thema, weil es doch einige Kosten gibt, die getragen werden müssen. Die Bäume und Plaketten müssen bezahlt werden, ich benötige Ausrüstung, muss Gebühren bezahlen und so einiges mehr. Wer dieses Projekt unterstützen mag, kann das gerne mit einer einmaligen Spende machen und wenn es nur ein Euro ist. Jeder Cent wird gebraucht und ist Gold wert. Sponsoren haben verschiedene Möglichkeiten, die wir ganz individuell ausarbeiten können. So können zum Beispiel Ausrüstungsgegenstände gestellt werden. Eine weitere Möglichkeit wäre pro gelaufenem Kilometer einen Betrag x beizusteuern. Das geht natürlich auch als feste monatliche finanzielle Unterstützung. Ob es sich dann um 5 Euro oder mehr, 12 Monate oder 10 Jahre handelt ist unwichtig. Viele kleine Unterstützungen ebnen den Weg so gut, wie eine große. Ich frage mich derzeit, ob es eine Möglichkeit gibt 100 000 Menschen zu finden, die bereit wären 1 Euro zu geben? Was denkt Ihr? Alles ist möglich – egal in welchem Umfang. Der Weg ist das Ziel.

 

Was möchtest du den Leuten sagen, die sich überlegen einen Baum zu pflanzen oder dich finanziell unterstützen möchten?

 

Erst mal ein ganz „dickes Dankeschön“. Seinen Erinnerungen in einem Baum einen neuen Raum und ein neues Leben zu geben ist etwas Wunderbares. Vielleicht trägt es auch dazu bei, dass wir alle sensibler werden und auf Menschen reagieren können, denen es schlecht geht. Depressionen versperren den Blick für das Naheliegendste und diese Krankheit tötet. Wenn wir alle ab und an die Hand reichen und lieber einmal mehr, als einmal zu wenig agieren ist schon viel gewonnen. Seit anders und macht einen Unterschied – dadurch wird die Welt besser, weil Ihr sie besser macht.

 

Wir sind am Schluss dieses Interviews, herzlichen Dank für deine Offenheit. vagabond.click und ihre Followers – ich bin mir sicher – werden dein Projekt

www.footpath-of-life.com mit grossem Interesse beobachten und – so wünscht sich das Projekt – auch finanziell unterstützen.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinen Wanderungen und dass du viele Symbole der Liebe, Bäume pflanzen wirst. Vor allem aber, dass du für dich das Geschehene verarbeitest und gesund deine Heimat Deutschland erreichst.

vagabond.click

 

Johann

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Ich bin Mario, Suizid Betroffener.

Mit Footpath Of Life verarbeite ich meinen Schicksalsschlag und möchte gleichzeitig 

suizidgefährdeten Menschen Lichtblicke geben.

Und Hinterbliebenen Trost, Kraft und Hilfe anbieten.